5. September 2010

Die Schatten werden länger

Eigentlich viel zu früh scheint der Spätsommer da zu sein. Vielleicht täusche ich mich ja auch; und es ist nur eine kurze Pause im Sommer, der im September noch einmal an Fahrt aufnimmt. Wie auch immer: der Spätsommer »ist meine Zeit«, da ich in ihm geboren bin. Und ich bin beileibe nicht abergläubisch, aber dass dies eine Rolle spielt - daran glaube ich. Es spielt eine Rolle, in welche Welt man hineingeboren worden ist. Welche Eltern man hatte, in welchem Land - und sicher auch die Jahreszeit... ich liebe den Spätsommer und immer macht er mich wehmütig. Das ist jedes Jahr so. Und es erinnert mich jedes Jahr daran, dass alles vergänglich ist. Beinahe alles. Und in jedem der letzten Jahre muss ich daran denken, dass wir bedenken sollen, dass wir sterben müssen (Psalm 90,12). Es bedeutet mir etwas, dass es Jahreszeiten gibt. Dass wir Verwandlung erleben in jedem Jahr. Vielleicht anschaulicher als in einigen anderen Ländern? Egal. Wir sollten diese Zeit genießen, »auskaufen«, in ihr sein, sie bewußt wahr-nehmen. Und uns darauf einstellen, dass die Blätter fallen werden. Und alles ersterben wird, auf dass es neu werden kann.

Kommentare:

frederic_pipp hat gesagt…

Alle Jahre wieder, das macht unsere Kultur aus; Haben wir daher den Blues oder verstehen wir deswegen das Leben gerade jetzt besser? Wir sind wieder näher dran - am Ende, am Loslassen. Somit nehmen wir alles bewußter war, wissen jeden Sonnenstrahl zu schätzen. Er tut jetzt auch wieder gut, da er wärmt und man vor der Kälte Angst hat...

Dein "und alles ersterben..." find ich beruhigend dabei, da so etwas "Schaffendes" dem Tod impliziert wird!

Hatte vor einigen Wochen bereits an Dich und den Herbst gedacht als ich die Kastanien reifen sah und die ersten braunen Blätter im Spätsommer an einigen Exemplaren fand. Das sind die ersten Fältchen im Gesicht nach dem Sommer des Lebens. Ich liebe den Duft des Herbstlaubs, welches bald am Boden im Wald zu finden sein wird; Aber noch sind es ein paar Wochen, welche zum Geniessen des grünen Bildes genutzt werden sollten!

Denke dann an unsere Freunde aus Dietesheim, mit welchen wit vor ca. 12 Jahren zum ersten Mal (nach unserer Kindheit) Kastanien sammeln waren und jetzt mit unseren Kurzen aktiv sind. Jede Kindheit wieder aufs Neues, eben unsere Kultur im "Laufe der Lebenszeiten"!

Erst wenn man die Jahreszeiten wahrnimmmt, kann man das befristete Sein schätzen und zuversichtlich sein, daß es immer weiter gehen wird: Auch nach dem eigenen Winter kommt wieder ein Frühling! Und wenn mal nicht mehr, dann aber für einen neuen Jahreszeitenwanderer auf dieser Welt...

Frederic

jörg kassühlke hat gesagt…

Lieber, dass Du »an mich gedacht hast«, als Du »die Kastanien« reifen sahst... freut mich besonders. Deine Art mit der Natur zu leben mag ich sehr.
Sicher, dieser Gedanke des »befristeten Seins« ist mir wahrlich nicht fremd. Und mir ist der, zunächst gar nicht religiös erscheinende Ansatz sogar lieb, denn er ist menschlich, wie ich es einmal nennen möchte. Gleichsam denke ich oft an diese Sätze von Heinrich Böll, in denen er gefragt wurde, warum er an Gott glaube. Und darauf antwortete, dass wir uns auf dieser Welt nicht ganz zu Hause fühlen. Das habe ich damals sofort verstanden. Endlich. Ja, sicher. Aber eben auch im Übergang zu »etwas anderem«. Und dass ich daran glaube, dass - wer an diesen Mann aus Nazareth glaubt - den Tod nicht sehen wird, wie Er es selbst sagt. Aber das weißt Du ja längst :). Fühle Dich herzlich von mir gegrüßt und umarmt, Dein j.