17. April 2012

Weiten

Es gibt Zeiten, in denen wir einfach Weite brauchen und die Enge uns den Atem raubt. Es gibt Zeiten, in denen wir den Mief der eigenen vier Wände nicht mehr ertragen; vielleicht auch Zeiten, in denen wir den Mief in uns selbst nicht mehr ertragen können. Und manchmal müssen wir einfach nur die Lungen füllen, um wieder atmen zu können. Der Prediger der Prediger C. H. Spurgeon empfahl seinen Schülern: »Ein kräftiger Schluck Seeluft oder ein tüchtiger Spaziergang im Wind füllt zwar nicht die Seele mit Gnade, aber doch den Körper mit Sauerstoff, was das Nächstbeste ist.« Und man/ich denkt(e) sofort an "die gute alte Zeit", in der wir nur draußen waren als Kinder. Mein Bruder und ich liefen stundenlang durch den Wald. Wir spielten auf Wiesen, wir spielten in Gräben, wir spielten in kleinen Bächen, wir waren unfassbar viel draußen. Und in den "neuen Bundesländern" konnte ich oft Kinder noch so spielen sehen - wie wir es damals durften.
Und wenn ich es dann endlich einmal geschafft habe, den Schreibtisch zu verlassen, um den Körper mit Sauerstoff zu füllen, dann staune ich nicht nur darüber, wie gut es mir getan hat. Sondern wie schön und weit auch in meiner Nähe die Welt ist, die ich oft nur von meinem Fenster aus sehe und an ihr vorbeirausche, weil ich ja so dringend von A nach B muss.
»Wie zahlreich sind doch deine Werke, Herr, alle hast du mit Weisheit ausgeführt, die Erde ist erfüllt von dem, was du geschaffen hast! Da ist das Meer, schier endlos groß und weit..« Psalm 104, 24/25 (Neue Genfer Übersetzung)
Das Bild ist vor vielen Jahren in der Bretagne entstanden, noch mit einer analogen Leica M. In einer Gegend, die auch als das Ende der Welt bezeichnet wird.

Kommentare:

Ulrich hat gesagt…

Deine Fotografie weckt Sehnsucht nach der Weite, die Du so schön beschreibst. Und stillt zugleich einen Teil dieser Sehnsucht mit diesem Blick in die Ferne im Bild. Schade, dass das Meer hierzulande so fern ist, aber wenigstens können auch wir noch immer in die Natur, wenn es die Zeit erlaubt. Ein guter Ratschlag.

jörg kassühlke hat gesagt…

Ja, Du hast Recht, lieber Ulrich.
Manchmal weiß ich schon nicht mehr, wie es klingt, wie es riecht, wie es schmeckt. Verdränge es, wie es ist, einfach noch so vor ihm zu stehen und überwältigt zu sein.

Anonym hat gesagt…

Auch wenn man nicht immer das Wasser vor der Nase hat - jeden Tag das Fenster öffnen und einige tiefe Atemzüge nehmen und frische Luft einatmen: das reinigt Körper und Geist. Auch der Kosmos ist Gott, und sich immer mit dem versorgen, was Gott kostenlos anbietet: das ist essentiell.
Das Bild ist wunderschön! und mit welcher Leica gemacht ... ;)

jörg kassühlke hat gesagt…

Mit der besten von allen!