3. Mai 2012

Hängend


Gibt es eigentlich etwas, woran ich hänge? Nun, ganz sicher. Zum Beispiel der Apparat, mit dem ich das Bildchen gemacht habe, das ich hier zur Schau stelle. Und noch so ein paar andere Dinge, welche teilweise für diese Welt keinerlei Bedeutung haben mögen, aber für mich selbst schon. Also eben einen so genannten »ideellen Wert« haben. Ein paar Bücher beispielsweise. Es gibt Bücher, die einen Wert auch auf dem Markt haben, aber mir nahezu nichts bedeuten. Andere jedoch gar keinen Wert (vielleicht ein paar Cent), aber mir in der eigentlichen Bedeutung lieb und »teuer« sind. Eines dieser Bücher ist aus dem Nachlass meines Vaters. Es ist das für mich persönlich - neben meiner Bibel - wert-vollste Buch. Es fällt langsam auseinander, trägt zig Lesezeichen, ist drei Monate nach meiner Geburt ein Geschenk meiner Großmutter an meinen Vater gewesen - und ist mir für das, was ich gerade tue, zum Segen geworden wie kaum etwa anderes. 
Aber den ersten Satz kann man auch ganz anders verstehen. Gibt es Dinge, an denen ich hänge - und sie gerne loswerden möchte? Hänge ich an etwas, das mich schlicht unfrei macht? Das mich davon abhält, endlich weiter zu ziehen, weiter zu fahren, um neue Ufer erreichen zu können? 
Es gibt Dinge, auch und wohl auch gerade aus der Vergangenheit, die mich binden und unfrei machen können. Freiheit ist nicht nur ein Begriff, der dem obersten Haupt unseres Landes etwas bedeutet. Mir sind die »Kirschen der Freiheit« schon als junge Seele unbedingt schützenswert gewesen und sind es geblieben.
Aber frei, innerlich frei geworden bin ich erst, als ich mich selbst aufgegeben habe. Um mich dann nicht neu zu gewinnen, sondern zum Eigentlichen zu finden. 

»Nur wenn der Sohn euch frei macht, seid ihr wirklich frei.« (Johannes 8,36, Neue Genfer Übersetzung)

Kommentare:

Ulrich hat gesagt…

Sich selbst aufgeben. Ein radikaler Schritt, dessen Verlockung gewiß eine Freiheit ist, von der man träumen kann. Doch gilt es abzuwägen, welche Freiheit das ist und was noch da ist, nachdem das aufgegebene eigene Selbst zurückgeblieben ist. Gut, wenn man die Zwänge abstreifen kann, "an denen man hängt". Wichtig ist, die Zwänge nicht allein zu bewerten. Es ist ein Geben und Nehmen, eine Bindung einzugehen mit etwas oder jemand "an dem man hängt" birgt eine Verpflichtung aber auch ein Guthaben. Entscheidend ist wahrscheinlich der Wert, den man dieser Bindung beimißt.

Anonym hat gesagt…

Ich denke, statt "sich selbst aufgeben", sollte dort "sich selbst finden" stehen.
Aufgeben kann man Materielles, Gefühle, nicht mehr benötigte Lebensrichtungen. Aber nie sich selbst, die eigene Seele. Denn im Leben geht es darum, sein Inneres zu erkennen und auszudrücken.
"Frei" sein bedeutet: unbelastet von Altem. Das ist schwerer, als man denkt - denn es umfasst auch das Unbewusste, das sich auf Umwegen Bahn bricht ins Bewusste.

Sich selbst und seine Umgebung im Hier und Jetzt wahrnehmen und ausdrücken: das ist Aufgabe unseres Hierseins.

jörg kassühlke hat gesagt…

Danke für beide Reaktionen...
Es hat etwas mit dem zu tun, woran ich glaube. Tatsächlich habe ich mich aufgegeben, um dem zu folgen, an den ich glaube. Das ist ein radikaler Schritt, wie Du schreibst, lieber Ulrich. Aber er hat mich auch an die Wurzel zurück bringen können.
Und das Geheimnis daran ist, dass ich mich selbst dabei habe finden dürfen.
Jesus sagt im Markus-Evangelium: »Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und auf meinem Weg hinter mir hergehen. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Aber wer sein Leben wegen mir und wegen der Guten Nachricht verliert, wird es retten.«

Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, mehr zu meinem eigenen Selbst gefunden zu haben, als in über vierzig Jahren zuvor.
Und so stimme ich mit dem überein, was ein christliche Schriftsteller namens Trumbull mit seinen Worten beschreibt: »Zuletzt erkannte ich, dass Jesus Christus tatsächlich und buchstäblich in mir war; und noch mehr als das: dass Er mein ganzes Leben in Besitz genommen und sich mit mir vereinigt hatte. Trotzdem war ich eine selbständige Persönlichkeit, die ihre Eigenschaften, ihren freien Willen und ihre volle moralische Verantwortung behielt.«
Es hat mich frei gemacht wie nichts zuvor.

Viele Grüße...